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Tinnitus – Als Symptom und Signal verstehen

Woher kommt dieses Geräusch?

Tinnitus ist eine akkustische Wahrnehmung, eine Hörempfindung, die weder von einem akkustischen Signal ausgelöst wird noch im Ohr entsteht. Die dem Tinnitus entsprechende neuronale Aktivität und damit das Ohrgeräusch selbst, entsteht erst im zentralen Hörsystem des Gehirns.

Die Ursache von Tinnitus ist oftmals nicht eindeutig festlegbar und klar. Entzündungen des Ohres, Hörsturz, Lärmereignisse, Tauchunfälle etc. können zwar mit Tinnitus im Zusammenhang stehen, genügen aber meistens nicht der einzigen Erklärung. Oft lässt sich erkennen, dass Tinnitus in Zusammenhang mit Stress und emotionaler Belastung steht.

Fälschlicherweise wird Tinnitus oft auch als Krankheit angesehen, was für den Patienten als eine zusätzliche Belastung und Bedrohung wirkt. Denn jedes neue Signal, das zum ersten Mal auftritt und man nicht zuordnen kann, löst ein Unbehaglichkeitsgefühl aus, wird mit Misstrauen betrachtet. Vielmehr jedoch ist Tinnitus als Symptom bzw. Hinweis zu betrachten. Die Hintergründe dem Patienten näherzubringen, im biopsychosozialen Modell zu erklären, kann für die Heilung sehr hilfreich sein und lehrt dem Betroffenen besser und gelassener damit umzugehen.

Die Bedeutung von Geräuschen, speziell dem Tinnitusgeräusch:

Im nächsten Absatz möchte ich mich nun der Bedeutung des Geräusches an sich und im Spezielleren des Tinnitusgeräusches zuwenden.

Geräusche sind von enormer Wichtigkeit bei der Überprüfung unseres Umfeldes. Bei Tieren zum Beispiel trug ein scharfes Gehör zur Wahrnehmung von Angreifern bereits aus weiter Entfernung zum Überleben der Arten bei. Diese Warnsignale, im menschlichen Leben zum Beispiel eine Sirene, jedoch erzeugen heftige Angst und lösen entsprechende Aktionen aus, um diesen Angriff zu entgehen. Andere Geräusche wiederum wie Musik oder Naturgeräusche lösen Gefühle von Sicherheit und Vergnügen aus.

Die Hörbahnen in unserem Gehirn sind vielfältig mit dem Limbischen System verbunden, das für Emotionen und Lernen zuständig ist. Jeder Ton, den wir hören und dessen Bedeutung wir lernen, verbinden wir mit bestimmten Emotionen. Dieses kann sich von Zeit zu Zeit ändern, je nachdem wie wir uns selbst gerade fühlen und in welchem Zusammenhang wir ihn hören. So zum Beispiel kann die Musik des Nachbarn akzeptabel oder unangenehm und aufdringlich sein, abhängig davon, ob wir ihn mögen oder nicht oder wie man sich selbst gerade befindet.

In etwa 85% derjenigen, die Tinnitus haben, empfinden ihn nicht als aufdringlich, störend oder angsteinflösend. Der Unterschied liegt aber nicht in der Qualität oder Lautheit des Tinnitus, sondern wie der Tinnitus bewertet wird. Diejenigen, die den Tinnitus lästig finden, bewerten oder verstehen ihn als Bedrohung, keinesfalls aber als etwas von geringer oder keiner Bedeutung.
Um wieder zum Tiervergleich zurückzukommen, kann man es so erläutern, dass das Tier sich nur mehr auf das Geräusch des Angreifers konzentriert, um zu überleben. So können auch jene Menschen, die den Tinnitus als Bedrohung betrachten, nur auf ihn horchen. Dies ist Teil eines Mechanismus, den wir Menschen zur Selbsterhaltung entwickelt haben.

Viele Leute fürchten, dass sich dahinter eine maligne Erkrankung verbirgt, dass der Tinnitus auf ewig anhält , dass ähnlich wie im Tierreich ihr Territorium verletzt wird, sprich ihr „Recht auf Stille“ verletzt wird. Diese Angst vor dem Tinnitus kann sich bis zu einem phobischen Zustand hinaufschauckeln.

Hierbei kann auf die Therapie von phobischen Zuständen wie vor Spinnen zum Beispiel zurückgegriffen werden, indem man sich schrittweise dem Prozess der Desensiblisierung nähert. Dies beginnt mit dem Konfrontieren des befürchteten Objekt, um es zunächst zu tolerieren und später als ein normales Phänomen zu akzeptieren, das in keiner Weise bedrohlich ist.

Die Tinnitus Retraining Therapie setzt über diese Technik an. Sie basiert auf das neurophysiologische Modell beschrieben von Jastreboff. Die zwei Hauptpunkte der Therapie, die man sich zunutze machen kann, sind Umschulen(retraining) und Wiedererlernen (relearning).

Zwei Hauptaspekte der Therapie – Umschulen und Wiedererlernen:

Umschulen dahingehend, dass die festgesetzten Meinungen, wie Tinnitus sei lebenslange Folter und Verzweiflung geändert werden und Tinnitus als etwas zu akzeptieren ist, das natürlich ist.
Wir sind sowohl auf unbewusster wie bewusster Ebene fähig, Töne wahrzunehmen. Die Nervenzellverbindungen sind darauf programmiert, auf der Grundlage der „Notwendigkeit zum Hören“, Signale aufzunehmen. Das kann man sich so vorstellen, wie wir ausnahmslos den Klang unseres eigenen Namens oder eine ferne Autohupe wahrnehmen, hingegen das Geräusch des Regens, der auf das Dach prasselt, oder die Wellen, die an den Strand schlagen, womöglich nicht. Wiedererlernen(retraining) beinhaltet das Rückstellen von programmierten Inhalten dieser Netzwerke, die selektiv die „Naturlaute“ des Innenohres aufnehmen, weil sie als bedrohlich, entweder für das Leben oder für die Lebensqualität identifiziert werden.

Somit kann Tinnitus auch als Stopp-Signal des Körpers, der Seele, des Geistes betrachtet werden, mal Pause zu machen, denn viele Patienten schildern, dass der Tinnitus vor allem in Stresssituationen verstärkt auftritt. Oftmals haben wir selbst verlernt, mit unserem Körper in seiner Gesamtheit mit Geist und Seele achtsam umzugehen. Das Stopp-Signal mal Pause zu machen, zu regenerieren, in sich hineinzugehen, neue Kräfte zu sammeln, wird oft ignoriert. Da der Mensch jedoch auch diese Phasen braucht, gibt der Körper als letztes Ventil, das Signal ab, manchmal schon derart dringend, sodass es als unangenehm empfunden wird, damit es endlich wahrgenommen werden muss.

Allein das Erkennen der Bedeutung des Tinnitus, dass es keine Bedrohung ist, lässt die Intensität des Tinnitus stark sinken.

Hypnose als wertvolle Unterstützung:

Der Fokus der modernen Hypnotherapie in der Tinnitus-Behandlung beruht einerseits auf der Aufarbeitung unverarbeiteter Emotionen, die einen Entstehungsanteil haben können und andererseits auf der suggestiven Beeinflussung des Störempfindens, d.h. dem Verhalten gegenüber dem Tinnitus.
In der hypnotischen Trance kann suggestiv das „Gleichgültigwerden“ der Ohrgeräusche unterstützt werden, somit ist die Wahrnehmung des Tinnitus direkt beeinflussbar.
Die Tiefenentspannung während der Hypnose fördert auf effektive und natürliche Weise die Erholung des Organismus. Darüberhinaus kann durch konfliktlösende hypnotherapeutische Interventionen, die Problembewältigung verbessert, der Stresspegel gesenkt werden, mitunter werden Seele und Organismus entlastet. Wenn die
mitverursachenden Emotionen verstanden werden, Neuorientierung und Reifung zulässt, kann durch diese Neugestaltung das Wiederauftreten des Tinnitus vorgebeugt werden.

Klangvolle Stille:

Tinnitus-Patienten wird es empfohlen nie ganz im Stillen zu sein, CDs mit Entspannungsmusik oder Naturgeräuschen helfen, die Aufmerksamkeit weg vom Tinnitus zu lenken und zu lernen, dass Umgebungsgeräusche völlig in Ordnung und natürlich sind und sogar angenehm sein können, sodass man sie gar nicht mehr bewusst wahrnehmen muss.

Vor jeder Therapie ist es wichtig, dass die Beschwerden vorher nochmals schulmedizinisch untersucht werden und mögliche organische Ursachen abgeklärt sind.

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